Flüsterismus

Heutzutage gibt es immer noch den erfreulichen Trend zu mehr Hunde-Gerechtigkeit bei der Erziehung von Hunden und im täglichen Umgang überhaupt. Er verstärkt sich sogar ständig. Eine herrliche Entwicklung, die wohl mit Konrad Lorenz ihren Anfang genommen hat und mit Eberhard Trumler richtig in Fahrt gekommen ist.

Das sind jetzt gut und gerne mehr als 30 Jahre, in denen die Methoden von der Dressur, die in meiner Kindheit noch übliches Vorgehen und gängige Bezeichnung war, über die Erziehung bis hin zu dem Bemühen um wirkliches Verständnis des hundlichen Wesens eine ungeheure Fortentwicklung erfahren haben.

Auch in der „grauen Vorzeit“, das heißt also in jenen Zeiten, wo noch üblicherweise mit verständnisloser Gewalteinwirkung versucht wurde, Hunden erwünschtes Verhalten beizubringen, gab es einzelne, die bereits in guten Ansätzen dachten und handelten, wenn vieleicht auch immer noch unter Zuhilfenahme einzelner Methoden, die die meisten heute rundweg ablehnen. Aber immerhin.

Was mir heute auffällt, ist, dass offenbar häufig nicht mehr mit Wasser gekocht werden soll. Warum muss jemand zum „Flüsterer“ oder zur „Flüsterin“ werden, zum „Guru“, zum „Hundepsychologen“, zum „Verhaltensterapeuten“ oder was auch immer noch für neue Wortschöpfungen da kursieren? Diese Wortspielerei gibt einerseits der Sache selbst einen Anstrich von Kompliziertheit, von für „Normal-Menschen“ Unerreichbarkeit und andererseits auch von hehrer Weisheit und manchmal ans Übersinnliche grenzender Wahrnehmungsfähigkeit derer, die sich selbst mit all diesen Worten zu schmücken denken. Vielleicht verunzieren sie sich oft auch nur damit.

Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum all diese seltsamen Bezeichnungen aufgekommen sind. Hunde zu haben, mit Hunden zu leben, auf Hunde einzugehen und Hunde zu beeinflussen, ohne ihnen Schäden oder Schmerzen zuzufügen, ist durchaus etwas ganz normales, was jeder Mensch lernen kann, wenn er mit offenen Sinnen, unvoreingenommen, lernbegierig, beobachtend und gutgelaunt an die ganze Sache herangeht.

Dieser Eindruck von Abgehobenheit, den das alles verbreitet, der ist es, der mich stört. So etwas grenzt nicht nur viele Leute von vornherein aus, sondern es drängt sich auch der Verdacht auf, dass alle diese ausgedachten oder eingebürgerten Bezeichnungen durchaus auch dazu dienen könnten, die Preise der jeweils angebotenen Dienstleistungen in die Höhe zu treiben.

Und einen Hund zu erziehen oder versäumte Erziehung nachzuholen, das ist doch nichts therapeutisches! Das ist ein Lernprozess. Die Worte „Therapie“ und „Therapeut“ oder, noch schlimmer, „Verhaltenstherapeut“ beinhalten von vornherein eine so geballte Ladung Negatives, weil behandlungsbedürftiges Kranksein suggeriert wird, dass für meinen Begriff die nötige positive Grundhaltung zu allem, was da stattfinden soll, von vornherein absolut ausgeschlossen wird.

Es muss niemand Tierpsychologie studieren, um ganz einfach einen Hund zu haben und diesen Hund auf eine Freude machende Art zu erziehen und zu führen. Auch wenn es durchaus eine Sache der persönlichen Ausstrahlung ist, wie viel Autorität von Seiten des Menschen den Hund erreicht, so ist doch auch sehr vieles erlernbar. Und auch die eigene Einstellung, damit auch der mentale Draht, ist durchaus veränderbar und mit der Erklärung der Zusammenhänge, dem Hinweis auf ganz allgemeine Lebenserfahrungen und mit dem so oft beschworenen „gesunden Menschenverstand“ in einer Weise zu stärken, dass die Überzeugungskraft, die Ausstrahlung eben, deutlich gestärkt wird. Und damit das natürliche Entstehen und Einhalten der Rangordnung zwischen Mensch und Hund.

Wogegen ich mich wehren möchte, ist also der künstliche Aufbau psychologischer Barrieren gegen den absolut unverzichtbaren unbefangenen Umgang mit Hunden durch die Verwendung dieses verkomplizierenden Vokabulars.

Der Status eines „Flüsterers“ ist für Otto Normalverbraucher ja von vornherein vollkommen unerreichbar, denn schon das Wort impliziert den Gedanken an eine Sonderbegabung, die man entweder hat oder nicht hat. Ebenso oder ähnlich ergeht es der ehrfürchtigen Allgemeinheit oft mit all den anderen Bezeichnungen.

Dabei sollte derjenige, der es vormachen kann, in keinster Weise einen Sonderstatus haben. Sondern ganz simpel das weitergeben, was er an Erfahrungen oder an Übung und Kenntnissen im Umgang mit Hunden eben hat. Und dieses in einer Weise vorbringen, aus der klar zu erkennen ist, dass er absolut nichts Unerreichbares oder besonders schwer zu Erlernendes tut. Denn nur so, meine ich, kann bei denen, die es auch können wollen, die schon erwähnte absolut unverzichtbare lockere Unbefangenheit bei allem Tun mit einem Hund gewahrt bleiben oder eintreten.

Komischerweise klappt die Vermittlung von Wissen und Können in anderen Bereichen ja auch ganz neutral informierend und ohne besondere Aura des Wissensvermittlers, während im Tier-Bereich – in der Pferde-Szene ist das ja auch nicht ganz unbekannt – immer wieder einzelne Personen auftauchen, die in dieser schwer zu beschreibenden Weise hervorgehoben werden und einen Sonderstatus erhalten, für den ich bei nüchterner Betrachtungsweise keinerlei sachliche Notwendigkeit erkennen kann.

Also: zurück zur Normalität bitte!

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